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Der Tagesspiegel vom 13.03.2007
Rentner
sollen Pflegereform mitbezahlen
Unionspolitiker fordern Beitrag aller Generationen / Jusos:
Moralisch verwerflich
Von Rainer Woratschka
Berlin - Die Junge Union (JU) fordert, bei
der Pflegereform auch ältere Arbeitnehmer und Rentner zur
Kasse zu bitten. Mit der nötigen Umstellung auf
Kapitaldeckung dürften nicht nur junge Menschen belastet
werden, sagte JU-Bundesvorsitzender Philipp Mißfelder dem
Tagesspiegel, „alle müssen einen Beitrag leisten“.
Zustimmung erhielt er von Willi Zylajew, dem
pflegepolitischen Sprecher der Unionsfraktion. Im
Koalitionsvertrag sei eine kapitalgedeckte Demografiereserve
vereinbart, sagte der CDU-Politiker. „Daran müssen sich nach
meinem Empfinden dann auch alle beteiligen, die bisher schon
für die Pflegeversicherung bezahlen. Alles andere wäre
widersinnig.“ Allerdings müsse man per Überforderungsklausel
verhindern, dass Geringverdiener und „kleine Rentner“ mit
den Zusatzbeiträgen überfordert würden.
Über die Höhe der Zusatzpauschale gibt es noch Dissens in
der Union. Einige Experten veranschlagen sechs Euro pro
Monat, andere 13 Euro und mehr. In einem Arbeitspapier, das
in der Fraktion kursiert, ist die Rede von sechs Euro, der
Zusatzbeitrag müsste jährlich aber um einen Euro steigen.
Die SPD lehnt Kopfpauschalen für die Pflegeversicherung ab.
„Alle Generationen müssen ein Interesse daran haben, dass
die Pflegeversicherung in fünf oder zehn Jahren noch
funktioniert“, sagte Mißfelder. Gleichzeitig kritisierte er
die Koalitionsvereinbarung als unzureichend. „Im Grunde
bräuchten wir einen Komplettumstieg auf die Kapitaldeckung“,
sagte der JU-Chef. Es sei ein Fehler gewesen, bei der
Einführung der Pflegeversicherung in den 90er Jahren noch
auf Umlagefinanzierung zu setzen. Dadurch habe der damalige
Sozialminister Norbert Blüm (CDU) suggeriert, dass nicht nur
die Rente, sondern auch die Pflege sicher sei. „Beides war
falsch.“
Heftige Kritik an den Vorschlägen kam aus der
Senioren-Union. „Bloß weil die Jüngeren den
Generationenvertrag nicht erfüllt haben, kann man doch nicht
die Älteren, die ihr Leben lang gearbeitet und Kinder
großgezogen haben, nochmals belasten“, sagte der
Bundesvorsitzende Otto Wulff. Rentner hätten von 2003 bis
2009 einen Kaufkraftverlust von zwei Monatsrenten zu
verkraften, zusätzliche Lasten könnten sie nicht mehr
tragen. „Wenn mehr Rentner im Parlament säßen, würden solche
Diskussionen nicht geführt.“
Auch der Juso-Vorsitzende Björn Böhning nannte es „moralisch
verwerflich, wenn man diejenigen, die bereits
pflegebedürftig sind, auch noch zur Finanzierung einer
Kapitaldeckung heranzieht“. Auch aus diesem Grund wäre die
steuerliche Finanzierung der geplanten Demografiereserve
„der galantere Weg“, sagte Böhning dem Tagesspiegel. Eine
zusätzliche „Steuersäule“ wäre „einfacher, nachhaltiger und
solidarischer“. Zudem würde dies laut Böhning verhindern,
dass private Versicherungskonzerne an der Vorsorge für
Pflegebedürftigkeit mitverdienten.
Der Chef der Jungen Liberalen, Johannes Vogel, hingegen
forderte, schnellstmöglich einen Beschluss zum Umbau der
Pflegeversicherung zu fassen. „Die volle Kapitaldeckung muss
das Ziel sein.“ Mit Blick auf die jetzigen Rentner müsse man
bei der Finanzierung jedoch „sehr behutsam vorgehen“. Es sei
klar, dass alle Generationen einbezogen werden, die Jüngeren
aber den Großteil der Umstellung bezahlen müssten, sagte
Vogel. „Dazu sind wir aber nur bereit, wenn die Politik
wirklich ein zukunftsfähiges System schafft.“ |